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"Wenn ich unter all den Müttern, die ich sah,
zu wählen gehabt hätte,
würde ich meine Mutter gewählt haben."
(Thomas Carlyle)


MEMENTO MORI:

S L A V I C A  T A D I C

(19. Januar 1959 - 20. April 2012)





„Ich weiss, warum wir die Toten begraben,
warum wir einen Stein an den Ort stellen,
das schwerste, beständigste Ding, das wir kennen:
weil die Toten überall sind, nur nicht in der Erde.“
(Anne Michaels)

„Ich bin nicht tot,
ich tausche nur die Räume,
ich lebe in Euch und
gehe durch Eure Träume.“
(Michelangelo)

„Man lebt zweimal:
Das erste Mal in der Wirklichkeit,
das zweite Mal in der Erinnerung."
(Honoré de Balzac)






Eine Geschichte für alle MUTTERTAGE

Meine Mutter sagte immer, dass der Muttertag für sie als Mutter kein besonderer Tag wäre, da sie wusste, dass wir uns nicht nur an diesem Tag oder an Feiertagen sahen, und nicht nur an diesem Tag einander etwas schenkten, wie es leider oft der Fall in dieser Welt ist. Mir ging es eigentlich genauso, aber diesen Tag ignorieren konnte ich trotzdem nicht.

Nachdem meine Mutter diese Welt verliess am 20. April 2012, folgte bald der erste Muttertag, an dem ich nicht mehr sie besuchen konnte, sondern nur noch ihr Grab. In den ersten Jahren besuchte ich es viel zu oft, wie mir mal jemand sagte. Noch heute macht mich der Besuch sehr traurig. Nicht nur der Friedhof, sondern auch der Weg dorthin. Da sie an ihrem Wohnort begraben wurde, fahre ich immer die gleiche Strecke, wie ich sie immer fuhr, wenn ich sie, als sie noch lebte, besucht hatte. Ich komme an dem kleinen Bahnhof an, wo sie ihr Auto immer parkiert hatte und auf mich wartete. Manchmal stieg sie auch aus, winkte und lächelte mir zu, als ich die Bahnhofstreppe hochstieg. Meistens hatte sie etwas dabei. Etwas Süsses, ein Stofftier, ein Kleidungsstück, was auch immer, das sie entdeckt hatte, um mir eine Freude zu machen. Umgekehrt war es auch so, wenn sie mich besuchte. Immer sagten wir einander denselben Satz: „Was schleppst Du nun wieder heran?“ und dann scherzhaft: „Na, da lohnen sich die Treffen mit der Mutter/Tochter!“ Wenn ich nun das Grab besuche, blicke ich immer auf den Parkplatz, rufe mir die Bilder von früher in Erinnerung. Dann schaue ich nach rechts zur Strasse, die zu ihrer damaligen Wohnung führt. Doch ich muss geradeaus gehen. Am Café vorbei, wo wir manchmal sassen, an der Post, am Einkaufszentrum, wo sie immer hinging. Ein Weg voller Erinnerungen. Dann der Weg rauf ins Grüne. Zum Friedhof, der wieder Erinnerungen an die schlimmsten Tage hervorruft, als ich sie zuletzt sah, aber sie stumm blieb. Sie konnte nichts mehr sagen. Zwar war sie da, sichtbar, aber fort. Und zwei Tage später war sie auch nicht mehr sichtbar. Nur noch Erde, Steine und Blumen.

Im Sommer 2017 passierte etwas ganz Besonderes, das ich nie vergessen werde. Ich war damals über ein Jahr nicht mehr an ihrem Grab, weil es mich eben so traurig machte, und weil ich wusste, dass ich jeden Tag an sie dachte, und dafür nicht auf den Friedhof gehen muss, wo sie sich mir am fernsten anfühlt. (Hier muss ich noch erwähnen, dass ich zu diesem Zeitpunkt bereits 1 Jahr meine beiden Kater bei mir hatte. Oft sagte ich laut, wenn ich die Kleinen streichelte, dass ich mir wünsche, dass meine Mutter sie sieht, weil ich weiss, dass sie sie auch sehr liebgewonnen hätte.) Im Sommer 2017 drängte es mich zum Grab, obwohl ich wusste, wie ich mich dann fühlen würde. Ich sagte das meinem Begleiter. „Dort sind nur Steine. Nicht sie. Aber dort ist auch das Andenken an sie. Ich war über ein Jahr nicht mehr dort. Das geht nicht.“ Mein Begleiter erwiderte: „Wenn Du dort bist, sind bestimmt nicht nur Steine da.“ Das klang schön und tröstend, aber ich sah keine Beweise dafür.

Wir kamen am Friedhof an und ich hatte wie immer viel dabei und hörte sie im Kopf, wie sie sagte, „was schleppst Du nun schon wieder alles heran?“. Wir bogen in den Weg ein, der zu ihrem Grab führt und plötzlich kam uns eine schwarz-weisse Katze entgegen. In den Jahren, in denen ich am Grab war, sah ich noch nie eine Katze. Nichts Wundersames eigentlich. Eine streunende Katze eben. Doch sie ging auf mich zu und hüpfte um meine Beine und schmiegte sich an mich. Ich stellte meine Tasche mit den Geschenken für Mama auf den Boden, um die Katze zu streicheln. Ich sah meinen Begleiter an, der Tränen in den Augen hatte. Die Katze schaute in meine Tasche und schnupperte, berührte aber nichts. Wir gingen weiter zum Grab. Die Katze folgte uns. Mein Begleiter sagte: „Sie folgt Dir, nur Dir, siehst Du das?“ Am Grab angekommen, schwänzelte die Katze die ganze Zeit um mich herum, rieb ihr Köpfchen an meinen Beinen und liess sich streicheln. Oder sie setzte sich auf die Hinterpfoten und schaute sich das Grab an. Sie schaute mir zu, wie ich Blumen und eine schöne neue Figur auf dem Grab platzierte. Dann ging sie wieder verschmust auf mich zu. Ich hatte keine Gelegenheit mehr, meinen traurigen Erinnerungen und Gefühlen nachzugehen. Mein Begleiter beobachtete und fotografierte uns. Ich freute mich sehr über das Tier, das ausgerechnet eine Katze war, die ich dort nie zuvor gesehen hatte. Solange wir dort waren, war auch die Katze da. Als wir den Friedhof verliessen, legte sie sich hin, streckte ihre Pfötchen aus und schaute uns nach.

Ich schaute mehrmals zurück. Das erinnerte mich an die Momente mit meiner Mutter, in denen wir beide immer wieder zurückschauten, wenn wir nach einem Wiedersehen auseinandergingen. Keine von uns konnte sich einfach umdrehen und weitergehen, ohne mehrmals zurück zu schauen. So ging es mir auch, wenn ich sie im Krankenhaus verlassen musste. Das ging nie, ohne mehrmals „Tschüss“ zu sagen und sich anzuschauen, nachdem wir uns bereits lange umarmt hatten. Das war ganz natürlich in dieser letzten Zeit, aber bedeutsamerweise war es nicht neu. Es war schon immer so.

Ein Zufall dieser Grabbesuch? Wunschdenken? Oder ein wundersames, bedeutendes Ereignis? Ich weiss es nicht, aber ich war zum ersten Mal nicht mehr traurig am Grab meiner Mutter. Im Gegenteil. Es war ein ungewöhnlich schöner Tag. Als hätte auch meine Mutter mir etwas mitgebracht, das am Grab auf mich wartete…


"Kein Stein wiegt so viel,                    
kein Denkmal ist so gross,
und keine Blume blüht so schön,
wie die Bedeutung im Herzen,
die Du für alle Zeit hinterlässt.


Es gibt keinen Abschied,
keinen Tod und kein Grab.
Wo Liebe war und dauert,
schlägt weiter das Herz,
währt ewig ein Menschenleben."

(Grabinschrift von Sanela Tadic)







(Grabstein-Symbolik: Das Buch eines Lebens, das für immer offen bleibt, in dem gelesen und erinnert wird; der Stein mit einer Botschaft, die auf ihm verewigt ist und der eine Form hat, die diesem Menschen gebührt, der seine Geschichte mit einem vollen Herzen gelebt hat, was ihn unsterblich macht. - Friedhof Chloos, Kloten-Zürich)


"Das Herz kann nicht loslassen.

Loslassen - das ist der Tod."

(Sanela Tadic)



"Ein ERLEBNIS mit Dir aus meiner Kindheit, das kennzeichnend für Dich ist und das gleichzeitig – angesichts unserer letzten, gemeinsamen Zeit – eine stark symbolische Aussagekraft hat:

Als ich etwa 7 oder 8 Jahre alt war, befanden wir uns gezwungenermassen mit dem Auto auf der Rückreise aus Wien in die Schweiz. Es war Winter und Nacht. Ich schlief auf dem Rücksitz, als Du plötzlich meinen Namen riefst. Deine Stimme klang ganz ruhig, gefasst, aber ernst und bestimmt. Du sagtest, ich solle sofort aussteigen und erklärtest mir beherrscht, dass unser Auto mit den Vorderreifen bereits über einem Abgrund ragt und Du infolge Schnees nicht weisst, ob Du den Rückwärtsgang einlegen kannst, wobei das Auto womöglich mit uns beiden in die Tiefe stürzen könnte. Ich schaute nach vorn und konnte Tannenbäume erkennen, die aus einem dunklen Abgrund emporragten. Es erstaunte mich, dass Du so ruhig warst. Ich weigerte mich, ohne Dich das Auto zu verlassen. Deine Stimme wurde laut und streng und Du befahlst mir, augenblicklich auszusteigen und im schlimmsten Fall am Strassenrand zu bleiben und zu warten, bis jemand anhält. Ich fing an zu weinen und bat Dich, mir zu versprechen, dass Du nachkommst. Ich versuche es, mein Schatz. Aber Du musst zuerst aussteigen... - hast Du gesagt. Ich fürchtete mich, die Tür aufzumachen und mich zu bewegen, Dich vielleicht durch meine Bewegung hinunterzustossen.

Als ich schliesslich ohne Schuhe im Schnee stand, starrte ich zitternd auf das Auto und auf Dich. Die hinteren Reifen drehten sich immer wieder ins Leere und das Auto wippte hin und her – zwischen Abgrund und sicherem Boden. Ich hatte grosse Angst und fühlte mich unzulänglich, weil ich tatenlos daneben stand und zusehen musste. Und wir sind jetzt ganz allein. - dachte ich. Niemand sonst fuhr in dieser Zeit vorbei, der hätte helfen können. Ich weiss nicht mehr, wie oft Du Anlauf genommen hast, aber irgendwann fuhr das Auto doch rückwärts. In diesem Augenblick schien es mir, als wäre eine andere Variante gar nicht möglich gewesen, dass es schlichtweg undenkbar und unrealistisch ist, dass Dir etwas passiert. Du bist mit Tränen in den Augen, aber lächelnd ausgestiegen und hast mich in die Arme genommen. Ich weinte und war wütend zugleich, weil Du mich aus dem Auto geschickt hast. Du aber sagtest: Mein Kind, Du hast doch noch Dein ganzes Leben vor Dir."

"Wäre der Mensch ein Baum,

wären Erinnerungen seine Blätter. 

Tief in der Rinde sein Geist, seine Gedanken.

Verflochten die Gefühle in den Ästen.

Gebrechlich in den Zweigen die Träume."

(Sanela Tadic)