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W O R T G E F E C H T E: Philosophische und poetische Texte




DER TRAUM UND DIE STIMME

„Wir alle kennen diese Kindheitsträume und Vorstellungen, die uns glücklich machten, die aber vergessen gingen, als wir mit den scheinbar eingeschränkten Möglichkeiten der Realität in Berührung kamen. Manche Träume gehen nie ganz verloren und melden sich hin und wieder. Wie alte Freunde, die uns an längst vergangene Zeiten erinnern wollen. An sehr wenigen Träumen halten wir fest, lassen sie irgendwann los und suchen dann wieder verzweifelt nach ihnen. Auch ich hatte als Kind diesen On-Off-Traum, der mir als Erwachsene später sonderbar erschien, nicht von dieser Welt, wie wir sie kennen.

Ein Traum von einem Gefühls- und Geisteszustand, wie sie Gläubige oder Menschen nach Nahtoderfahrungen beschreiben. Ich selbst war nie religiös, und ob wir alle am Ende in eine Himmelswelt kommen, weiss ich natürlich nicht mit absoluter Gewissheit. Als Kind hatte ich von diesen Dingen noch gar keine Ahnung und doch träumte ich immer davon. Nicht von Gott oder vom Himmel, vielmehr davon, Texte und Geschichten zu schreiben, die den Menschen wie an der Himmelspforte das Herz aufgehen lassen.

Wo wir denken und fühlen: Wir sind da, wo man uns und jedes Leben auf der Welt annimmt und versteht, wo niemand sich Masken aufsetzen, sich verstellen muss, wo es für alles Worte gibt und eine gemeinsame Sprache, die uns allen vertraut ist. Wir sind endlich dort, wo es keine Feinde gibt. Nur Liebe und den Ausdruck für Liebe. Wo wir nur noch aus Herz bestehen dürfen. Ein grosses - weit und tief blickendes - Herz, das zum Leuchtturm für unseren Geist wird. An einem himmlischen Ort, wo wir nicht auf Körper und Dinge sehen, sondern Seelen erkennen. Wo wir endlich mit Erleichterung begreifen, dass wir nicht da sind, um zu siegen, zu besitzen, zu herrschen und zu sterben, sondern um zu erwachen, zu verstehen, zu lieben und geliebt zu werden.

Und warum sollten wir das erst im Himmel erleben dürfen, wenn wir Sterblichen die Fähigkeit haben, innere Welten zu erschaffen, die uns jene Freiheit und Schönheit näher bringt, nach denen wir unser ganzes Leben lang streben. Wie jene in der Literatur, in Kunst und Musik, die uns so tief berühren können, uns mit Worten, Bildern, Klängen und Melodien aufwecken, als wären sie der Ruf Gottes, an den wir nie ernsthaft geglaubt, ihn nie zuvor gehört haben, und der uns dennoch so vertraut vorkommt. Wie der Ruf eines geliebten Menschen, den wir schrecklich vermisst haben.

Diese Art von Literatur ist mein Traum. Solche Bücher möchte ich schreiben, die diese bedeutende Stimme haben, die wir brauchen, nach der wir uns sehnen, die Herzen berührt und entfesselt spricht, was gesagt und erzählt werden muss. Ein Traum, für den es vielleicht eines noch stärkeren Glaubens bedarf als den an Gott und seinen Himmel.“

- Sanela Tadic -